Sind Sie noch normal oder auch schon essgestört?

Heute brachte eine renommierte Sonntagszeitung einen spannenden Artikel zum Thema «Essgestört – wer isst eigentlich noch normal?» Darin wurde aufgezeigt, dass sich «Veganer und Clean-Eater erhabener als Normalos fühlen». Zudem wies die Journalistin auf den erschreckenden Fakt hin, dass «fast jeder Dritte «ungesunde Lebensmittel vermeidet». Dies führe im Extremfall zu einer Orthorexie, einer schlimmen Ess- und Angststörung mit Mangelerscheinungen und «Beeinträchtigungen des Alltags»! Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang eine wahre Geschichte erzählen, die sich kürzlich in meinem Bekanntenkreis abspielte:

Mitte Dezember hatten wir unser Weihnachtsessen. Wir freuten uns alle auf diesen Anlass, und es hätte ein richtig geselliger Abend werden können. Leider wurde er durch das Verhalten eines einzelnen Kollegen überschattet.

Es ging schon bei der Vorspeise los. Es wurde uns ein schöner gemischter Salat mit Croûtons serviert. Als die Bedienung den bunten Teller auftrug, fragte sie in die verdutzte Runde: «Wer hat den Salat ohne Sauce und ohne Brotwürfelchen bestellt?» Wir dachten zuerst, sie mache einen Witz, doch dann meldete sich A., der fast neben mir sass, und streckte seine Hand auf. Irgendwie hatte er dabei noch so ein selbstsicheres Lächeln im Gesicht. Als wir ihn alle fragend anschauten, erklärte er ganz ruhig, er habe seinen Salat lieber pur. Zudem vertrage er Zusätze wie Glutamat, Milch und Zucker, die meist in Salatsaucen vorkämen, nicht so gut. Wie wenn Milch und Zucker Gift wären! 

«Heikel – und das noch mit selbstbewusstem Lächeln!»

Martina, die ihm gegenüber sass, wollte wissen, ob er denn überhaupt keinen Zucker esse. Er nickte so verschämt und fügte an, er fühle sich viel wohler, seit er darauf verzichte. Er habe letztes Jahr spontan entschieden, Gluten (deshalb der Verzicht auf die Croûtons!), Milchprodukte und Zucker wegzulassen, und damit ein Experiment zu wagen. Uns lag allen die gleiche Frage auf der Zunge, und zwei von uns stellten sie dann gerade gleichzeitig: Und was ist mit Zucker in Früchten? Und tatsächlich: Da hatten wir ihn schon erwischt! Er gab zu, dass er gewisse Früchte wie Beeren, Melonen und manchmal sogar Datteln esse, und sei sich bewusst, dass dort natürlich Zucker drin stecke (aber diese natürliche Form des Zuckers erlaube es sich in sparsamen Mengen). Dass er damit sein Essverhalten als ebenso inkonsequent wie unglaubwürdig entlarvte, schien ihm nicht einmal etwas auszumachen, jedenfalls wirkte er nicht so.

Inkonsequent und unglaubwürdig!

Jonas, der plötzlich entdeckte, dass das knusprige, feine und wahrscheinlich selbstgemachte Weissbrot, das zum Salat gereicht worden war, unberührt neben A.s Teller lag, fragte echt besorgt, ob er denn überhaupt kein Brot essen dürfe. Die Antwort war peinlich und beinahe arrogant: Er habe sich keine Verbote auferlegt und dürfe alles, sagte er, und ergänzte dann aber, ja, er lasse im Moment Gluten weg, und esse deshalb kein Brot, bis auf eines, das er mit glutenfreiem Reis- und Buchweizenmehl selbst herstelle! En Guete! Ich habe mal auf seinem Pult ein solches «Brötchen» gesehen und es gleich fotografiert, weil es so schrecklich aussah. Von wegen «alles dürfen». Wir vermuten sogar, dass er auch kein Joghurt, keine Fruchtsäfte und sogar keine Müesli essen darf. 

Voller Gesetze und Verbote!

Als ich in einer Rauchpause vor der Tür Yvonne traf, fragte sie mich, ob A. wohl in einer Sekte sei. Da er auch schon einmal einen Bowling-Abend abgesagt hatte und im Zug oft in einem Buch las, hätte man es sich gut vorstellen können. Ich habe ehrlich gesagt auch schon an schwul gedacht. Wenn man seine ziemlich femininen Finger oder seinen Seidenschal anschaute … Nicht, dass ich etwas gegen Schwule hätte, aber es würde einfach noch irgendwie zusammenpassen. Jedenfalls ahnten wir schon lange, dass er eher linke Parteien als bürgerliche wählte.

Der ganze Lebensstil ein Ärgernis!

Aber noch nicht genug – A. setzte dem ganzen Horror noch einen drauf: Als die Serviertochter den Dessert brachte – es gab leckeres Panna Cotta (auf dem Deckel stand «fatto in casa»), lehnte er auch diesen mit sturer Miene ab. Wir assen alle unser Panna Cotta und mussten gleichzeitig zusehen, wie A. einfach fröhlich mit verschränkten Armen da sass und uns noch frech «einen Guten» wünschte. Ein paar Männer orderten zum Dessert noch einen Grappa oder einen Cognac. Er natürlich nicht. Mit seinem dünnen Stimmchen bestellte er hingegen noch einen Espresso (natürlich ohne Zucker, ohne Rahm und ohne Guetzli). Wir schauten uns an und dachten wohl alles das gleiche: so ein zwanghaftes, freudloses Leben!

Verkrampft und ohne Spass am Leben!

Wir waren uns einig: Menschen wie A. sind eine Belastung für unsere Gesellschaft. Sie nehmen sich Freiheiten heraus, die sich andere nicht leisten, und weichen auch bei Einladungen oder geselligen Anlässen nicht von ihrer wahnhaften Esskultur ab. Kathrin erzählte noch ein Müsterchen, weil es in ihrer Verwandtschaft auch so eine Person gibt – eine Frau mit dem Vegan-Tick: Als sie sie kürzlich mit ihrem Mann zu Fleischvögeln einlud und wusste, dass sie kein Fleisch essen durfte, schlug sie ihr vor, etwas mit Quorn und Tofu zu machen. Aber die Dame schlug das gutgemeinte Angebot höflich, aber kaltblütig aus. Sie lasse einfach das Fleisch weg und esse mit Vergnügen die anderen leckeren Dinge auf dem Tisch (sie meinte den Kartoffelgratin, den es gab, und die Salate). Wer so extrem isst, wird halt schnell unanständig!

Veganer haben keinen Anstand mehr!

Sie können sich vorstellen, dass unser Weihnachtsessen zu einem ziemlich unangenehmen Abend wurde. Eine einzige schwierige Person versaute vierzehn anderen den Appetit! Letzte Woche haben wir in einer Pause, als A. abwesend war, darüber diskutiert, ob wir ihn zum Weihnachtessen 2019 gar nicht einladen sollen. Für einen solch festlichen Abend, an dem man als Team zusammenwachsen möchte, braucht man ja keine Spassbremse!

Herzlich
André

PS: Im erwähnten Zeitungsartikel stand noch, dass «Instagram-Nutzer, also meist junge Menschen», häufiger von der schlimmen Krankheit betroffen seien als «die Normalbevölkerung». Gut, dass ich noch normal bin und keinen Instagram-Account habe! Und Sie?

André Kesper hat sich als Werbetexter auf die Disziplinen Name | Claim | Slogan | Headline | Statement spezialisiert und wurde 4 mal für den SWISS TEXT AWARD nominiert. Er schreibt für Unternehmen, Persönlichkeiten sowie Agenturen. André ernährt sich aus purer Begeisterung zucker-, gluten- und milchfrei. Nebst diesem Blog finden Sie André Kesper hier.

3 Kommentare zu „Sind Sie noch normal oder auch schon essgestört?

Gib deinen ab

  1. Ich habe selten so etwas herzloses gelesen. Wie kann man nur so wie Sie?

    Was ist mit der Cousine, die Magersucht hat, der Grossvater mit Demenz?

    Ich würde auf sie als besserwissend Giftnudel verzichten, Vegan hin oder her. 🙂

    Schrecklich…

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