Was am «Marsch fürs Läbe» falsch ist

Ein «Marsch für das Leben»könnte eine wunderbare Sache sein. Wenn es denn darum ginge, das Leben in seinen kreativen, farbigen und gewaltfreien Facetten zu feiern. Was in Zürich unter diesem Titel allerdings stattfand, hat mit Lebensfreude nicht das Geringste zu tun, sondern ist im Gegenteil zutiefst lebensfeindlich. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man allerdings die Menschen verstehen, die hinter dieser Veranstaltung stehen. Und ihre Doktrin.

Ich habe zwei Drittel meines Lebens mit ihnen verbracht. In ihren Versammlungen, Gemeinden, Missionswerken und politischen Parteien. Weit über dreissig Jahre lang habe ich mit grossem Engagement ihre Weltanschauung geteilt. Darüber hinaus habe ich manche ihrer Institutionen kommunikativ betreut. Aus meiner Erfahrung schreibe ich «christlichen Fundis» (erlauben Sie mir die saloppe Abkürzung) zwei Markenzeichen zu:

1. Christliche Fundis denken im «Freund-/Feind-Schema»

«Greift zu all den Waffen, die Gott für euch bereithält, zieht seine Rüstung an! Dann könnt ihr alle heimtückischen Anschläge des Teufels abwehren. Denn wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Mächte und Gewalten des Bösen, die über diese gottlose Welt herrschen und im Unsichtbaren ihr unheilvolles Wesen treiben. Darum nehmt all die Waffen, die Gott euch gibt! Nur gut gerüstet könnt ihr den Mächten des Bösen widerstehen, wenn es zum Kampf kommt. Nur so könnt ihr das Feld behaupten und den Sieg erringen. Bleibt standhaft! Die Wahrheit ist euer Gürtel und Gerechtigkeit euer Brustpanzer. Macht euch bereit, die rettende Botschaft zu verkünden, dass Gott Frieden mit uns geschlossen hat. Verteidigt euch mit dem Schild des Glaubens, an dem die Brandpfeile des Teufels wirkungslos abprallen. Die Gewissheit, dass euch Jesus Christus gerettet hat, ist euer Helm, der euch schützt. Und nehmt das Wort Gottes. Es ist das Schwert, das euch sein Geist gibt.» (Paulus in Epheser 6, 11–17)

Wenn Christliche Fundis auf die Strassen gehen – ob mit kleinen Schriftchen an der Strassenecke oder beim «Marsch fürs Läbe» – dann tun sie dies im Sinn und Geist von Epheser 6. Ihr Denken ist vom dualistischen «Freund-/Feind-Bild» geprägt. Ihre Welt besteht aus «Gut und Böse», «Himmel und Hölle», «Segen und Fluch» sowie aus «Verlorenen und Geretteten». Oder aus «Fleisch und Geist»:

«Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, und der Geist wider das Fleisch; dieselben sind widereinander, dass ihr nicht tut, was ihr wollt. Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz. Offenbar sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt und sage noch zuvor, dass, die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Wider solche ist das Gesetz nicht. Welche aber Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden.» (Paulus in Galater 5, 16–24)

Wenn christliche Fundis solche Bibelstellen lesen, dann glauben sie unerschütterlich daran, dass dies Originalworte und -gebote Gottes sind. Früher oder später wirkt sich dies wie eine Gehirnwäsche aus und zeitigt massive Folgen. So erklären Bibelstellen wie die oben zitierten zum Beispiel die widersprüchliche Haltung von Fundis zu Gewalt und Pornografie. Da sie sich generell im «Freund-/Feind-Modus» befinden, haben sie wenig Probleme mit Gewaltdarstellungen in Filmen oder Spielen und befürworten (EDU) locker Waffenexporte in problematische Regionen, gleichzeitig orten sie hinter jeder pornografischen Darstellung gleich den Teufel. Weitere Folgen der «Gehirnwäsche» sind:

Offenheit für:

  • patriarchalische Strukturen
  • westliche Propaganda
  • neoliberale Politik
  • konservative bis reaktionäre Haltungen
  • Reichtum und Besitz
  • Patriotismus
  • Abschottung durch Schliessen der Landesgrenzen

Latente Angst vor (bzw. Ablehnung von):

  • sexueller Vielfalt 
  • linker und feministischer Politik (und angeblich «links unterwanderten Medien»)
  • Wissenschaft, sobald sie im Widerspruch mit der Bibel steht (Entstehung der Erde)
  • anderen Religionen
  • Philosophie und Psychologie
  • Friedensbewegungen 
  • Esoterik
  • Umweltanliegen 
  • Tierschutz
  • schulischen Tagesstrukturen (inkl. «Wegnahme der Kinder zwecks Indoktrination durch den Staat»)
  • «fremden Völkern»
  • «Wertezerfall»
  • Lehrplan 21

In ihren Haltungen sind sich christliche Fundis übrigens nicht immer einig. Manche Gruppierungen stehen in offener Konkurrenz zueinander. Etwas verkürzt lassen sie sich  aus meiner Erfahrung allerdings in zwei Gruppen einteilen: «Brave» und «Materialisten». Erstere sind meist im Bildungs-, Gesundheits- oder Sozialwesen verwurzelt, in der EVP oder in der CVP aktiv und tendenziell eher in Landeskirchen, in der Evangelisch-Methodistischen Kirche, im CVJM/CVJF oder in offeneren Freikirchen engagiert. Letztere sind häufig Unternehmer (männlich), an Status, Besitz und Macht orientiert, SVP-, FDP- oder EDU-nahe und in charismatischen oder engen Gemeinschaften aktiv. Gerne auch im ICF. Einige von ihnen leben übrigens ein Doppelleben: in Familie und Gemeinde betont gütig und freundlich, im Business fordernd, gierig und bisweilen aggressiv. 

Bezogen auf den «Marsch fürs Läbe» sind sich christliche Fundis aber weitgehend einig. Ein Feindbild muss her! Also werden sogenannte «Abtreibungsbefürworter» kreiert, obwohl es in der Realität gar keine solchen gibt. Niemand ist pauschal «für Abtreibung». Menschen, die sich aus lebensbejahender Grundhaltung für die Selbstbestimmung der Frau einsetzen, sind noch lange keine «Abtreibungsbefürworter». Hier diffamieren christliche Fundis ihre «Feinde» mit rhetorischer Gewalt.

2. Christliche Fundis müssen missionieren

 «Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.»Jesus in Matthäus 28, 19+20

«Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater.Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.»Jesus in Matthäus 10, 32+33

In Anbetracht dessen, dass sie Bibelstellen als direktive göttliche Gebote verstehen, kann man sich vorstellen, unter welchem massivem Missionsdruck christliche Fundis stehen. Sie spüren die Drohung Jesu im Nacken und fühlen sich permanent vom Himmel beobachtet und beurteilt. Selbstverständlich würden sie diesen Sachverhalt niemals zugeben. Ihre missionarischen Tätigkeiten rechtfertigen sie im Dialog meist mit der Gegenfrage, ob man denn auch nicht davon erzählen würde, wenn man ein lebensrettendes Medikament entdeckt hätte. Oder sie tun das, was sie am liebsten tun: Sie nehmen nicht persönlich Stellung, sondern zitieren gleich die Bibel: «Wir können nicht aufhören, von dem zu erzählen, was wir gesehen und gehört haben.»(Petrus und Johannes in Apostelgeschichte 4, 20)

Fazit: Die Motivation der Veranstalterinnen und Veranstalter des «Marschs fürs Läbe»  besteht darin, «Jesus vor den Menschen zu bekennen» und «Menschen zu lehren, alles zu halten, was Gott befohlen hat». Sie tun dies, indem sie ihrem allgegenwärtigen «Feind» mutig entgegentreten. Manche etwas sanfter, andere etwas militanter.

Geht nun von christlichen Fundis und vom «Marsch fürs Läbe» eine reale Gefahr aus? Die Antwort hängt von unseren Wertvorstellungen ab. Grundsätzlich tickt der christliche Fundamentalismus genauso wie jede andere Ideologie: Kinder fundamentalistischer Familien werden meist im geschlossenem Wertesystem erzogen und erhalten kaum Freiraum, sich unabhängig zu entfalten. Und natürlich wenden sich christlich-fundamentalistische Gruppierungen besonders gern labileren Menschen zu, die sie leicht vereinnahmen können. Nur wenigen gelingt der Ausstieg.

Welcher Schluss ist aus diesen Überlegungen zu ziehen? Soll der «Marsch fürs Läbe» künftig verboten werden? Ich plädiere dagegen. Eine bunte Diversität an Haltungen soll auf unseren Strassen Platz haben. Zudem ist zu verhindern, dass sich christliche Fundis noch stärker in Subkulturen verabschieden. Sie sollen ruhig im Blickfeld der Öffentlichkeit bleiben. Es ist aber gut, hinzuschauen, was sie tun, und laut zu protestieren, wo es angebracht ist.

Herzlich
André

PS: Ich bin sehr an einer Kontroverse zum Thema interessiert. Es wäre schön, würden Sie einen Kommentar schreiben.

André Kesper hat sich als Werbetexter auf die Disziplinen Name | Claim | Slogan | Headline | Statement spezialisiert und wurde 4 mal für den SWISS TEXT AWARD nominiert. Er kreiert für Unternehmen, Persönlichkeiten sowie Agenturen Corporate Wordings und fungiert als Trainer und Moderator. Nebst diesem Blog finden Sie André Kesper hier.

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